Kurzporträt
Dr.med. Rainald Fischer: Ohne Berge geht es nicht
von Martina Merten (Deutsches Ärzteblatt 103, Ausgabe 15 vom 14.04.2006, Seite A-982)
Um Dr.med. Rainald Fischer (42) besser kennen zu lernen, besucht man ihn am besten nicht dort, wo er am häufigsten arbeitet: in der Abteilung für Pneumologie der Medizinischen Klinik Innenstadt der Universität München. Auch hier macht der Facharzt für Innere Medizin zwar einen in sich ruhenden, zufriedenen Eindruck. Aufgeschlossen tritt er seinen Patienten gegenüber, mit einem Lächeln begrüßt er seine Kollegen, mit denen er sich ein kleines, recht dunkles Klinikzimmer teilt. Doch woher die Begeisterung für seine Arbeit rührt, kann man weitaus besser etwa 120 Kilometer südlich von der Klinik erleben in den Bergen. Denn, sagt Fischer während der Gondelfahrt auf die beinahe 3 000 Meter hohe, schneebedeckte Zugspitze: Ohne Berge würde es einfach nicht gehen.
Hier oben taucht Fischer in eine andere Welt ein. Im Schneefernerhaus , einer vom Hotel zur Umwelt-Forschungsstation umgebauten Plattform auf 2 650 Meter Höhe, hat Fischer die Möglichkeit, Teilbereiche seiner täglichen Arbeit für wissenschaftliche Grundlagenforschung in der Höhenmedizin zu nutzen. In einem etwa 20 Quadratmeter großen, weiß gekachelten Raum stehen mehrere Geräte, mit denen Fischer die Belastbarkeit der Patienten testen kann, gleich nebenan befindet sich ein Schlaflabor.
Derzeit ermittelt Fischer unter anderem gemeinsam mit Kollegen Prädiktoren für die Flugtauglichkeit von Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung, Lungenfibrose und pulmonaler Hypertonie. Mehr als einen Tag im Monat arbeitet er zwar nicht im Schneefernerhaus. Diese wenigen Stunden in der Höhe reichen ihm aber aus, um energiegeladen zurück in den Alltag zu kehren.
Das Leben in den Bergen ist dem sportlichen, immer leicht gebräunten Pneumologen von Kindesbeinen an vertraut. Früh unternahm er mit seinen Eltern Ausflüge in die Höhe, als Jugendlicher folgten Bergtouren mit einem guten Freund. Mit seiner Frau, die er mit Anfang zwanzig kennen lernte, unternahm Fischer zahlreiche Trekkingtouren und musste dabei mehrmals am eigenen Leib spüren, wie die Höhenkrankheit von ihm Besitz ergriff. Als ihm bei einer seiner ersten Expeditionen ins chinesische Hochgebirge der Kopf dröhnte, die Umgebung sich zu drehen schien und keine Tablette wirkte, beschloss Fischer, dieses Übel näher zu erforschen.
Zu seiner nächsten Expedition auf den Mustagh Ata in China nahm er ein Lungenfunktionsgerät mit. Schrittweise tastete er sich bei seinen anschließenden Touren auf den Mount Kenia, das nepalesische Anapurna-Gebirge und den Mount McKinley in den USA durch Messungen an sich selbst und an Kollegen an die physikalischen und physiologischen Besonderheiten des Körpers beim Bergsteigen heran. Im Laufe der Jahre legte er die Ergebnisse seiner Studien in zahlreichen Originalarbeiten nieder.
Doch so geradlinig, wie es scheint, verlief Fischers berufliche
Entwicklung hin zum Höhenmediziner nicht: Ich hatte lange kein klares
Ziel vor Augen. Obwohl seine Eltern schon in jungen Jahren ein Horoskop
für ihn stellen ließen, in dem herauskam, dass der Junge Arzt wird,
reizte ihn zunächst eine Reihe anderer Bereiche: Er machte eine
Schreinerlehre, studierte ein Semester lang Geologie und liebäugelte
mit einem Psychologiestudium.
Am Ende entschied er sich für die Medizin ein Entschluss, den maßgeblich
seine Frau beeinflusste, die auch Ärztin ist. Fischer spezialisierte
sich zunächst auf Psychosomatik. Es faszinierte ihn, wie sich organische
Veränderungen im Zusammenhang mit einem chronischen Konflikt entwickeln
vielleicht auch deshalb, weil er sich als Stotterer jahrelang selbst
therapeutisch mit dem Ursprung des Stotterns auseinander gesetzt
hatte.
Letztlich störte ihn aber das Unpräzise der Forschungsergebnisse,
das Nicht-auf den-Punkt-kommen-Können. So begann er während seiner
Weiterbildung zum Facharzt für Innere Medizin motiviert durch seine
Höhenforschungen –, sich intensiver mit pneumologischen Erkrankungen
auseinander zu setzen. 2001 übernahm Fischer die Leitung der Mukoviszidose-Ambulanz
der Klinik, zusätzlich legte er eine Prüfung zum Schlafmediziner
ab. Psychosomatische Faktoren spielen bei Patienten mit Schlafstörungen
eine große Rolle, die Arbeit mit Mukoviszidose-Patienten bedarf
einer ausgiebigen Anamnese. Der Kreis begann sich zu schließen.
Seinen langjährigen beruflichen Findungsprozess verknüpfte er immer wieder mit den Bergen. Zusätzlich zu seinen privaten Expeditionen gründete er vor zehn Jahren die Deutsche Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin eine Organisation, deren 600 Mitglieder Ärzten aller Fachrichtungen Kenntnisse und Fertigkeiten der Bergmedizin vermitteln. Ebenso wie die mehrtägige Ausbildung von Kollegen zum Trekking- und Expeditionsarzt füllt ihn seine Arbeit als Bergwachtarzt aus. Mehrmals jährlich, überwiegend in den Wintermonaten, arbeitet Fischer gemeinsam mit seiner Frau für die Bergwacht der Bereitschaft München. Dann kommen auch die beiden Kinder (vier und sieben Jahre) mit. Was für andere zusätzlichen Stress bedeuten würde, empfindet Fischer als weitere Gelegenheit, Natur und Bergen nahe zu sein, noch dazu mit seiner Familie.
Kein Mann fürs Flachland
Wie sein beruflicher Weg weiter verlaufen wird, ist unsicher. Der Arbeitsvertrag mit der Klinik läuft, sollte er nicht verlängert werden, in zwei Jahren aus. Wenn es gar nicht anders geht, müsste ich mir anderswo eine Stelle suchen, sagt Fischer, während er auf die Besucherplattform der Zugspitze tritt. Es ist zugig dort oben, eine Jacke trägt Fischer nicht. Er geht einige Schritte über die Plattform, bleibt am Geländer stehen und zeigt mit dem rechten ausgestreckten Arm geradeaus: Das dort unten, erklärt er mit Begeisterung in seiner Stimme, sei der Eibsee, direkt davor liege der Waxenstein. Fischer steht da wie ein kleiner Junge, seine Wangen glühen. Dass dieser Mann jemals auf dem flachen Land arbeiten wird, ist eigentlich nicht vorstellbar.

VEREIN
BExMed | Deutsche Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin e.V.