Prävention der Höhenkrankheit
Prävention der Höhenkrankheit - Untersuchungen in der Hochalpinen Forschungsstation Jungfraujoch zur Wirksamkeit von Theophyllin oder Acetazolamid oral auf die Verminderung höhenbedingter Beschwerden
Probandeninformation
Sehr geehrter Proband,
im folgenden erfahren Sie zuerst etwas über die Krankheit, die wir
untersuchen wollen und die bisherigen Möglichkeiten der Behandlung.
Anschließend wird Ihnen das Versuchsprotokoll erläutert.
Die akute Höhenkrankheit tritt in Höhen über 2500 Hm (Meter über Seehöhe) auf. Sie ist gekennzeichnet durch Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Lethargie, Übelkeit, Erbrechen, Verringerung der Urinmenge und periphere Schwellung des Bindegewebes. Bei Fortschreiten der Höhenkrankheit kommt es zu den beiden Endformen, dem Höhenlungenödem und dem Höhenhirnödem. Der Beginn der akuten Höhenkrankheit liegt etwa ein bis vier Tage nach dem raschen (innnerhalb von 8-16 Stunden) Aufstieg in Höhen in der Regel über 3500 Hm. Risikofaktoren für das Auftreten von Höhenbeschwerden / Höhenkrankheit sind: Zu schneller Aufstieg, Alter unter 35 Jahren, bereits früher aufgetretenes Höhenlungenödem, Kälte, Infektionen der Atemwege, starke körperliche Anstrengung.
Die Ursache des Höhenlungenödems ist noch ungeklärt, obwohl wichtige Hinweise dafür sprechen, daß die Erhöhung des Drucks in den Lungengefäßen zu einem "Riß" der kleinen Arteriolen und zu einem Ödem(Anschwellung) der Lunge führt.
Ziel der vorliegenden Untersuchung ist Überprüfung der Wirksamkeit zweier verschiedener Medikamente zur Vorbeugung und ggf. Behandlung der Höhenkrankheit.
Ein typisches Behandlungsprinzip in der Vorbeugung der Höhenkrankheit stellt die Einnahme von Acetazolamid (Diamox) dar. Diamox wird seit Jahren zu diesem Zweck eingesetzt, es wurden auch mehrere Studien zum Nachweis der Wirksamkeit dieses Medikaments durchgeführt. Üblicherweise wird eine Dosis von 2 x 250 mg pro Tag empfohlen, eine Dosierung, die auch in dieser Studie angewandt wird.
Die Wirkung von Diamox besteht in der Veränderung des Säuregrades im Blut durch Hemmung eines Enzyms an der Niere, dadurch kommt es zu vermehrter Atmung und damit letztendlich zu mehr Sauerstoff im Blut. Dies ist daher gerade in großer Höhe, wenn weniger Sauerstoff zur Verfügung steht, günstig.
Diamox ist in aller Regel gut verträglich, es wird täglich von vielen tausend Patienten eingenommen, da es auch zur Senkung eines erhöhten Augeninnendruckes dient. Die möglichen Nebenwirkungen von Acetazolamid bestehen in einem vermehrten Harndrang, Mundtrockenheit, Durst, Leistungsabfall, Ohrgeräusche, Empfindlichkeitsstörungen in Händen und Füßen, Unverträglichkeit von kohlesäurehaltigen Getränken und gelegentlich Unverträglichkeit im Magen-Darm-Trakt. Die Nebenwirkungen bestehen nur während der Einnahme des Medikamentes. In sehr seltenen Fällen kann es zu Leberfunktionsstörungen oder dauernden Leberschäden kommen. Sehr selten kann auch eine Nierensteinbildung oder eine Nierenblutung auftreten.
Ein weiteres Behandlungsprinzip stellt die Anwendung von Theophyllin zur Prävention der akuten Höhenkrankheit sein. Bisher wurde dieses Medikament noch nicht zur Vorbeugung oder zur Behandlung der Höhenkrankheit eingesetzt. Hauptgrund dürfte möglicherweise die eher geringe therapeutische Breite sein, d.h. daß das Medikament nicht überdosiert werden soll.
Hauptanwendungsgebiet ist bisher die Behandlung des Asthma. Hier besteht eine langjährige und intensive Erfahrung mit diesem Medikament. Die Wirkungen auf die höhenbedingten Beschwerden sollten mit einem relativ niedrigem Wirkspiegel zu erreichen sein. Es soll daher eine Dosis von 250 in retardierter (verlangsamte Abgabe des Wirkstoffes) Form alle 12h verabreicht werden. Darunter ist ein Plasmaspiegel von etwa 5 ng/ml zu erwarten. Dies liegt um 50% unter dem für die Asthmabehandlung gebräuchlichen Blutspiegel.
Die Nebenwirkungsrate liegt hier sicherlich unter 10%, die Hauptnebenwirkung stellen die kaffeeähnlichen Nebenwirkungen dar. Folgende Nebenwirkungen können auftreten: Kopfschmerzen, Erregungszustände, Gliederzittern, Unruhe, Schlaflosigkeit, rascher Pulsschlag. Seltener kommt es zu gastrointestinale Störungen (Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verstärkung von Sodbrennen), vermehrter Harndrang. Sehr selten kann es zu Krampfanfällen oder Herzrhythmusstörungen mit Blutdruckabfällen kommen, ebenfalls sehr selten treten Überempfindlichkeitsreaktionen auf.
Was erwartet Sie, wenn Sie an dieser Untersuchung teilnehmen?
Zuerst einmal müssen Sie völlig gesund sein und im Alter zwischen 25 und 35 Jahre sein.
Die Untersuchung wird in der Hochalpinen Forschungstation auf dem Jungfraujoch, Schweiz durchgeführt. Die Anfahrt erfolgt über Bern, Spiez, Grindelwald und dann weiter via Zahnradbahn auf das Jungfraujoch. In der Hochalpinen Forschungstation steht Ihnen ein Einzelzimmer über die gesamte Versuchsdauer zur Verfügung. Für Verpflegung wird gesorgt, es wird jedoch um Mitnahme von eigener Skitouren- / Hochtourenausrüstung gebeten. Die Bahnfahrt und die Unterbringung auf dem Jungfraujoch ist kostenlos, ein Entgelt für die Studienteilnahme kann leider nicht gewährt werden.
Der Versuch besteht aus insgesamt drei Versuchstagen. Am Tag 1 erfolgt die Anreise mit Auffahrt auf das Jungfraujoch, schließlich mit einem Bergführer die Besteigung eines relativen hohen Berges (Mönch, Trugberg) und am Abend die ersten Messungen. In der ersten Nacht werden Schlaflabormessungen durchgeführt. An den kommenden drei Tagen bitten wir um möglichst wenig körperliche Aktivität, um die Messdaten nicht zu verfälschen. Am vierten Tag morgens erfolgt die Abfahrt ins Tal.
Bei jedem Probanden werden dieselben Untersuchungen vorgenommen, es erhält jeder jedoch nur eines der o. g. Medikamente oder ein Scheinpräparat. Die Zuteilung erfolgt durch Losauswahl, die Zuteilung ist auch den untersuchenden Ärzten nicht bekannt.
Was soll während dieser Zeit untersucht werden
- die Lungenfunktion (durch Atmen in ein Meßgerät)
- die arterielle Sauerstoffsättigung (Messung am Finger)
- die Blutgase (Messung durch Blutabnahme am Ohrläppchen)
- das ausgeatmete Kohlendioxid (durch Atmen in ein Meßgerät)
- die Atmung während des Schlafes (durch verschiedene, auf dem Körper aufgebrachte Sensoren)
- regelmäßige Blutabnahmen zur späteren Untersuchung bestimmter Hormone
- Ausfüllen eines Fragebogens zur Beurteilung Ihrer Beschwerden
Alle diese Messungen werden je nach Meßart meist morgens, mittags und abends durchgeführt.
Als Proband erhalten Sie per Los eines von drei Medikamenten:
- Gruppe A: Die Probanden nehmen ab drei Tage vor dem Versuch täglich 250 mg retardiertes Theophyllin (Euphyllong) in Tabletten ein.
- Gruppe B: Die Probanden nehmen ab drei Tage vor dem Versuch täglich 250 mg Acetazolamid (Diamox) in Tabletten ein.
- Gruppe C: Die Probanden nehmen ab drei Tage vor dem Versuch täglich 250 mg Milchzucker (sog. Plazebo) in Tabletten ein.
Welcher Nutzen, welche Risiken erwarten Sie bei einer Teilnahme an dieser Studie?
Wie oben bereits angeführt, ist die akute Höhenkrankheit häufig, das Höhenlungen- sowie das Höhenhirnödem zwar seltener, jedoch mit einer hohen Letalität behaftet.
Es soll daher versucht werden, in dieser Untersuchung einfache Mittel zur Vorbeugung höhenbedingter Erkrankungen zu finden (hier akute Höhenkrankheit und in der Folge das Höhenhirnödem).
Sollte sich das niedrig dosierte Theophyllin als wirksames Therapieprinzip erweisen, würde dies das Spektrum der möglichen vorbeugenden Medikamente erweitern, insbesondere bei Unverträglichkeit von Acetazolamid.
Theophyllin stellt besonders in seiner retardierten Form ein gut wirksames, gut verträgliches Medikament dar. Sollte es zur Verminderung höhenbedingter Beschwerden bzw. zur Prävention/Therapie schwerer Höhenerkrankungen geeignet sein, würde sich hier gegenüber der bisher möglichen medikamentösen Behandlung eine deutliche Verbesserung hinsichtlich der Prognose dieser Erkrankungen ergeben.
Neben dem Nutzen für die Allgemeinheit ist der Nutzen für den einzelnen Probanden eher zu vernachlässigen. Er wird jedoch erfahren, inwieweit er für die Entwicklung höhenbedingter Erkrankungen empfindlich ist und ob die in dieser Studie angewandten Interventionen von Nutzen sind.
Die Risiken einer derartigen Reise auf das Jungfraujoch liegen in der Entwicklung eines Höhenlungen- bzw. Höhenhirnödems. Beide Gefahren sind jedoch durch die entsprechende Überwachung als sehr gering einzustufen. Auf dem Jungfraujoch besteht die Möglichkeit der Entwicklung von HAPE oder HACE, jedoch kann durch die Zufuhr von Sauerstoff (1000 l Flasche vorhanden) jederzeit die optimale Therapie erfolgen. Darüberhinaus besteht ja aufgrund der Simulationssituation auf dem Jungfraujoch jederzeit die Möglichkeit, den Versuch abzubrechen (Talfahrt mit der Bahn).
Die Nebenwirkungen einer Theophyllingabe in der oben beschriebenen Dosierung bei gesunden Probanden dürften nur sehr gering sein, zu erwarten sind am ehesten Nebenwirkungen allgemeiner Art wie Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit (entsprechend coffeinartiger Nebenwirkungen). Kardiale Auswirkungen sind, außer einer Zunahme der Schlagfrequenz, in der angegebenen Dosierung nicht zu erwarten. Die Nebenwirkungen einer Acetazolamidgabe bestehen in einer vermehrten Wasserausscheidung, Parästhesien in Händen und Füßen, Unverträglichkeit von kohlesäurehaltigen Getränken und gastrointestinaler Unverträglichkeit. Während der gesamten Behandlungsdauer werden Sie sorgfältig betreut. Dies sichert die rechtzeitige Behandlung eventuell auftretender Komplikationen. Für den Fall unerwarteter Nebenwirkungen sind Sie versichert. Diese ist nach den Bestimmungen des Arzneimittelgesetzes für jeden Teilnehmer einer klinischen Prüfung erforderlich. Versichert sind Gesundheitsschädigungen, die als Folge der Anwendung von Arzneimitteln oder Maßnahmen an Ihrem Körper im Zusammenhang mit der klinischen Prüfung entstanden sind. Die im Rahmen der klinischen Prüfung erhobenen Daten werden entsprechend den Bestimmungen des Bundesdatenschutzgesetzes dokumentiert. Probandendaten werden streng vertraulich behandelt und bei Weitergabe ohne Angabe Ihres Namens übergeben. Zu diesem Zwecke erhalten alle Studienteilnehmer eine Nummer, unter der die jeweiligen Daten gespeichert und ausgewertet werden. Die Zuordnung der persönlichen Daten zur Studiennummer geschieht völlig getrennt von der eigentlichen Studiendokumentation auf einer gesonderten Liste, die nur der Studienleitung zugänglich ist und die über einen Zeitraum von 15 Jahren dort aufbewahrt wird. Bei entsprechenden Prüfungen kann von unabhängigen Institutionen oder Personen Einblick in Ihre Probandenunterlagen genommen werden, wobei jedoch von Ihrem Studienleiter darauf zu achten ist, dass Ihre Identität und Ihre persönlichen Unterlagen nicht preisgegeben werden. Ihre Teilnahme an dieser Untersuchung ist völlig freiwillig. Wenn Sie sich zu irgendeiner Zeit entschließen, an diese Studie nicht weiter teilzunehmen, so birgt dies keinerlei Nachteile für Sie! Wir hoffen, durch unsere Aufklärung Ihr Verständnis und Ihre wichtige Mitarbeit zu fördern. Ihre Teilnahme an der Studie führt für Sie zu einem möglichst hohen Schutz vor Komplikationen. Neben Ihrem persönlichen Nutzen erhoffen wir uns durch die Auswertung der Ergebnisse auch einen erheblichen Vorteil für zukünftige Patienten, die von den Erfahrungen und Ergebnissen dieser Untersuchung profitieren werden.
Sie sind nun über alle wesentlichen Punkte des vorliegenden Untersuchungsprotokolls informiert. Falls Sie darüber hinaus Fragen haben, können Sie diese jederzeit mit dem betreuenden Studienleiter PD Dr. Rainald Fischer, Tel. 089 5160 2214/2111, Fax. 089 5160 4905, besprechen.

PROJEKTE
BExMed | Deutsche Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin e.V.