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Temperaturschäden - Kälteschäden im Gebirge
Vorbeugung von Kälteschäden
Zusätzlich zu der empfohlenen Kleidung sollte bei entsprechenden Touren trockene, warme Ersatzwäsche mitgeführt werden. Dazu zählen Unterhemd/T-Shirt, eventuell eine lange Unterhose, Socken, Handschuhe, Mütze/Sturmhaube sowie Halstuch/Schal. Ein sog. "Rolli" ist ein praktisches mehrfach gefaltetes Strickband, das entweder als Stirnband, Mütze oder Halsschutz dient. In jedem Fall sollte im Rucksack eine Alu-Rettungsfolie (2 x 1 m) sein, während ein Biwaksack aus Platz- und Gewichtsgründen in der Praxis meist nur für größere Touren eingepackt wird. Wichtig und komfortabel ist eine Mini-Isoliermatte als Schutz vor Bodenkälte, meist in der Größe eines Sitzkissens erhältlich. Manche Rucksackmodelle haben eine solche herausnehmbare Isolierschicht im Rückenteil eingebaut. Meiner Meinung nach ideal ist eine relativ dünne Isoliermatte in der Größe von ca. 80 x 35 cm, die einmal zusammengefaltet als Sitzkissen in jeden Rucksack paßt. In voller Größe dient diese Unterlage sogar als Liegefläche bei Biwaks, da sie von den Schultern bis zum Gesäß reicht, während Kopf und Beine leicht auf Rucksack, Seil oder Ähnlichem liegen können.
Nasse Wäsche sollte unbedingt rechtzeitig gewechselt werden. Oft genügt es, trockene (Sport-) Unterwäsche anzuziehen, die darüberliegende feuchten Schichten können durch warme Überkleidung wieder am Körper trocknen. Selbst bei Tagestouren lohnt sich dieses Prinzip für ein besseres Wohlbefinden. Ist die Kleidung sehr feucht bzw. naß, zieht man sie am besten außen an, z.B. Hemd über Faserpelz, da sie dort trocknet und noch etwas wärmen kann. Feuchte Wäsche wie auch Innenschuhe können auch über Nacht im Schlafsack getrocknet werden, wenn es keine andere Möglichkeit gibt. Gerade bei Expeditionen ist es ein alter Trick, vor dem Gipfelsturm die Füße zu waschen und frische Socken anzuziehen, da so eine bessere Wärmeisolation bzw. geringere Erfrierungsgefahr besteht.
Entscheidend für die Vermeidung einer Unterkühlung ist das Herstellen einer möglichst windstillen Situation, z.B. durch entsprechend dichte Kleidung, Biwaksack oder das Graben einer Schneehöhle.
Zur Vorbeugung von Kälteschäden dient auch das Vermeiden von Erschöpfung bzw. genügend Flüssigkeits- und Nahrungszufuhr. Warme Getränke aus der (unzerbrechlichen) Thermosflasche oder vom mitgenommenem (Mini-) Kocher können die Ausdauer und Moral entscheidend verbessern. Weniger bekannt ist, daß man auch mit Essen die Kälte bekämpfen kann. Speziell Eiweiße, also vor allem Milchprodukte und Fleisch, haben eine sogenannte spezifisch dynamische Wirkung, d.h. beim Verdauen im Magen-Darm-Trakt fällt als Abfallprodukt zusätzliche Wärme an.
Allgemeine Charakteristika der Unterkühlung
Das Absinken der Körperkerntemperatur unter den Sollwert, d.h. auf weniger als 36°C, ist vorrangig zu behandeln, da es gefährlicher als eine lokale Erfrierung ist.
- Stadium 1 (37-34 Grad): Erregungssteigerung als Gegenregulation mit Kältezittern der Muskulatur ("Verheizen"), Erhöhung von Puls und Atmung, Verengung der kleinen Hautgefäße sowie Schmerzen.
- Stadium 2 (34-30 Grad): Erregungsabnahme durch Energiemangel (zunehmende Verlangsamung aller Lebensvorgänge), Puls und Atmung unregelmäßig, keine Schmerzen mehr, steife Muskeln.
- Stadium 3 (30-25 Grad): Bewußtlosigkeit (Reaktionslähmung) mit akuter Lebensgefahr! Puls kaum tastbar, tiefe Atmung mit Pausen, keine Schmerzreaktion, weite, aber auf Licht reagierende Pupillen.
- Scheintod/Tod (unter 25 Grad): Puls nicht mehr tastbar, lange Atempausen, weite lichtstarre Pupillen.
Temperaturmessungen des Körperkerns (am besten mittels eines elektronischen Thermometers im Gehörgang) sind entscheidend für die einzuschlagende Behandlung, für die Feststellung des Todes und für die Beurteilung der Prognose. Dabei wird grob unterschieden zwischen einer "Safe Zone" bis maximal 32 Grad Celsius, in der die körpereigenen Abwehrmechanismen noch funktionieren, und einer "Danger Zone", in der der Unterkühlte "wie ein rohes Ei" zu behandeln ist. Wichtig für eventuelle Wiederbelebungsmaßnahmen ist, daß die Überlebenszeit des Gehirns bei herabgesetzter Körpertemperatur deutlich verlängert wird. Normalerweise beträgt diese maximal 5 Minuten, danach treten irreparable Gehirnnervenschädigungen auf. Als Faustregel gelten etwa 7% mehr Überlebenszeitraum pro 1 Grad Celsius Temperaturabfall - das bedeutet bei 30 Grad Celsius etwa 10 Minuten Überlebenszeit, bei 25 Grad Celsius 25 Minuten, bei 20 Grad Celsius 45 Minuten und bei 16 Grad Celsius circa 1 Stunde.
Die Probleme einer Beurteilung im Gelände liegen in der individuellen Kältereaktion und in der Bewußtseinsbeeinflussung auch durch andere Faktoren wie Verletzungen, durchblutungsbedingte Erkrankungen, Einnahme von Medikamenten oder Alkohol sowie Erschöpfung.
Erste Hilfe Maßnahmen bei allgemeiner Unterkühlung
Bei allen Arten von Kälteschäden zu empfehlen ist ein Kälteschutz durch Alufolie, zusätzliche Bekleidung und Ähnliches, um eine Isolation gegen Bodenkälte und Windeinfluß zu erreichen, sowie allgemeine Wärmezufuhr durch heiße, gezuckerte Getränke. Im Gelände jedoch keinen Alkohol verabreichen, der zwar einen hohen Brennwert hat, aber gleichzeitig zu einer Steigerung der Hautdurchblutung mit entsprechender Wärmeabgabe an die Umgebung führt! Im Stadium 1 (36-34°C) sollte feuchte Kleidung durch trockene Wäsche ersetzt werden.
Ab Stadium 2 (34-30°C) ist ein Aufwärmen im Gelände nicht mehr möglich und es sollten keine aktiven oder passiven Bewegungen bzw. Massagen mehr durchgeführt werden, da Gefahren durch den sogenannten "Bergungstod" drohen. Dabei kommt es durch Vermischung des kalten Schalenblutes mit dem warmen Kernblut zu einem gefährlichen Temperatursturz, und damit zum Kreislaufschock (blasse, feuchtkalte Haut, Pulsanstieg über 100, schwache und beschleunigte Atmung, evtl. sogar Herzstillstand)! Daher keine derartigen Manipulationen durchführen (auch keinen Kleiderwechsel!), sondern für schnellen passiven Abtransport in guter Wärmeisolierung sorgen.
Aus den gleichen Gründen soll auch zunächst nur der Körperkern (Rumpf) aufgewärmt werden, und zwar mit vorgewärmten Decken, Helferwärme oder Wärmebeutel (über dem Pullover). Am besten eignet sich die sogenannte Hibler-Wärmepackung (siehe auch Abbildungen): Dabei werden mehrfach zusammengefaltete feuchtheiße Tücher auf die Unterwäsche von Brust und Bauch gelegt, nicht jedoch auf die nackte Haut. Darüber folgen Kleidung, Alufolie nur um den Rumpf sowie Decken und Biwaksack um den ganzen Körper mit einem guten Abschluß am Hals. D.h. die Wärmezufuhr erfolgt nur über den Rumpf mit den lebenswichtigen inneren Organen, während der sonstige Körper mit seinem kalten Schalenblut zunächst nicht extra erwärmt wird, sondern später langsam vom Zentrum her wieder "auftauen" soll. Die Hibler-Wärmepackung sollte bei längerem Abtransport alle 1-2 Stunden erneuert werden.
Beim Transport ins Krankenhaus - am besten und schnellsten natürlich mit Hubschrauber - hilft die Zuführung warmer, befeuchteter Luft durch einen Arzt trotz relativ kleiner Wärmezufuhr sehr, da sie nahe zum Herzen und den großen Blutgefäßen gelangt und auch gerade in psychologischer Hinsicht den Verunglückten unterstützt.
Während die reinen Expositions-Unterkühlungen, z.B. nach Spaltensturz, die besten Prognosen haben, sind die Überlebensraten bei zusätzlichen Verletzungen sowie vor allem bei Lawinenopfern deutlich schlechter.
Unterkühlung und Erste Hilfe speziell bei Lawinenunfällen
Neben mechanischen Verletzungen oder Ersticken im Schnee spielt bei Lawinenunglücken die Unterkühlung eine wichtige Roille, die allerdings erst nach längerer Verschüttungsdauer entsteht. Bei funktionsgerechter Kleidung rechnet man mit einer durchschnittlichen Abnahme der Körpertemperatur von 3 Grad Celsius pro Stunde; d.h. bei einer Verschüttungsdauer unter einer Stunde besteht in der Regel nur eine leichte Unterkühlung, darüber muß jedoch mit mehr oder weniger schweren Schäden gerechnet werden.
Verschüttete, die nach kurzer Zeit bei klarem Bewußtsein ausgegraben werden, bieten in der Regel keine besonderen Probleme. Verletzte, die abtransportiert werden müssen, sollten sofort mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen Kälte isoliert werden, um die gefährlich schnelle Auskühlung außerhalb der Lawine (ca. 6°C pro Stunde) zu verhindern.
Nach dem Ausgraben des Verschütteten (zuerst Freilegen des Kopfes!) müssen die lebenswichtigen Funktionen Atmung, Kreislauf und Gehirn (Bewußtsein und Pupillenreaktion) überprüft werden. Verlegte Atemwege durch Schnee, Erbrochenes oder durch die zurückgefallene Zunge sowie bläuliche Gesichtsfarbe und fehlende Atembewegungen/-geräusche sind Anzeichen einer Erstickung und erfordern sofortige Wiederbelebungsmaßnahmen mit Atemspende und Herzdruckmassage (Cave, nicht mehr aktuell). Bei großer Kälte und starkem Wind sollte man die Kleidung über dem Brustkorb nicht öffnen, sondern die Herzdruckmassage durch Biwaksack und Kleidung hindurch ausführen.
Besonders kritisch ist die Beurteilung von Lawinenopfern, die nach längerer Zeit leblos ausgegraben und geborgen werden. Bei diesen ergibt sich für den Retter zusätzlich die große Schwierigkeit, im Gelände zwischen schwerster allgemeiner Unterkühlung und Tod durch Ersticken zu unterscheiden. Hinweise für Tod können sein: (Bauch-) Muskelsteifigkeit, eisgefüllte Körperhöhlen, zusätzliche Verletzungen bzw. geringe Verschüttungszeit (unter 1 Stunde) oder Körpertemperatur geringer als die Umgebung bzw. unter 15 Grad Celsius. Der Verletzte kann aber auch so schwer unterkühlt sein, daß Atmung und Herzschlag ohne Hilfsmittel nicht mehr festgestellt werden können (Scheintod), aber noch ein Minimalkreislauf existiert, der den durch Kälte erheblich reduzierten Sauerstoffbedarf des Gehirns gerade deckt. Wertvolle Entscheidungshinweise gibt in einem solchen Fall ein elektronisches Trommelfellthermometer, das gut geschützt unter der Körperoberfläche nahe den Gehirnarterien mißt. Trotzdem sollte auch weiterhin der Lehrsatz gelten, daß in Zweifelsfällen der Tod erst nach Wiedererwärmung festgestellt werden darf. Hierzu ein markanter Merkspruch: "No one is dead until he's warm and dead!"
Umgekehrt ist ein kaltes, ganz langsam schlagendes Herz gegen mechanische Reize durch aggressive Herzdruckmassage sehr empfindlich, was eventuell zu einem gefährlichen Kammerflimmern führen kann. Eine Entscheidung, ob Herzdruckmassage oder nicht, ist vor Ort für den Laien wie auch für den Fachmann sehr schwierig. Meine persönliche Empfehlung in diesem Falle: Herzdruckmassage nur dann, wenn sie beherrscht wird und eine möglichst ununterbrochene Fortführung machbar erscheint. Dabei ist eine Frequenz von 30mal pro Minute, d.h. also etwa halbe Herzschlaggeschwindigkeit ausreichend. In jedem Fall ist auch beim Scheintot- Unterkühlten das sofortige Anlegen einer Hibler-Wärmepackung von ausschlaggebender Bedeutung. Am besten ist natürlich ein schnellstmöglicher Hubschraubertransport in eine Klinik mit Intensivstation bzw. Herz-Lungen-Maschine zur Wiedererwärmung bei Kreislaufstillstand.
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BExMed | Deutsche Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin e.V.