Extreme Höhe und Kälte - additive Gefahren

  1. Vorbemerkung
  2. Herz-Kreislauf-System
  3. Atmung
  4. ZNS
  5. Salz- und Wasser-Haushalt
  6. Muskulatur
  7. Hormonhaushalt
  8. Magen-Darm-Trakt

Vorbemerkung

Kälte und hypobare Hypoxie lösen bei vielen wichtigen Organsystemen ähnliche Funktionsstörungen aus. Sie bedeuten damit für den Bergsteiger in extremer Höhe eine erhebliche Risikopotenzierung auf dem ohnehin schon schmalen Grat zwischen Erfolg und Scheitern. Die hypoxiebedingte pulmonale Hypertonie wird durch Kälte erheblich verstärkt infolge einer Zentralisation des Kreislaufs durch periphere Vasokonstriktion. Damit steigt das Risiko für das Höhenlungenödem wesentlich an.

Die Linksverschiebung der Sauerstoffbindungskurve in den kalten Extremitäten verschlechtert entscheidend die Sauerstoffabgabe an Arbeitsmuskulatur. Kälte beeinträchtigt die periphere Nervenleitung und neuromuskuläre Funktion ebenso wie zentrale überlebenswichtige Regelvorgänge.

Gestörte Wahrnehmung, Urteilsfähigkeit und Koordination erhöhen die Unfallgefahr dramatisch auch bei erfahrenen Bergsteigern. Die Wärmeproduktion ist bei der verminderten Sauerstoffaufnahmefähigkeit in der Höhe von ca. 12- 15 ml/kg x min so stark limitiert, daß die Verluste über die Atemwege bei Hyperventilation von 80 - 120 l/min und Umgebungstemperaturen unter -20 Grad nur knapp ausgeglichen werden können. Bei erschöpften Energiedepots, Unfähigkeit zum Muskelzittern und protrahiert subakuter Hypothermie brechen trotz optimaler Schutzkleidung die Selbstschutzmechanismen zusammen. Risikobegrenzung ist nur möglich durch die Wahl der besten Jahreszeit mit höherem Barometerdruck, durch ungestörte Höhenanpassung mit taktisch richtigem Verhalten in der Gipfeletappe und Mut zur Umkehr. Tragödien in extremer Höhe sind keine schicksalhaften Ereignisse sondern Fehleinschätzungen der Gefahren in extremer Höhe.

Die Gefahren des Bergsteigens in extremer Höhe durch die hypobare Hypoxie sind heute weitgehend bekannt. Das individuelle Risiko ist aber durch keine Voruntersuchung zu ermitteln. Die höchsten Gipel der Erde sind heute vielfach ohne Sauerstoffzusatzatmung bestiegen, zum Teil auch auf mehreren und schwierigen Routen. Und doch sind es gerade die Besten, die Ihre Leidenschaft mit dem Tod bezahlen mußten. Eine der Ursachen liegt in der fatalen Kombination von extremer Höhe und Kälte. Es sollen daher die Auswirkungen von Kälte und Höhe auf die wichtigsten Organsysteme im Einzelnen dargestellt werden:

Herz - Kreislauf System

Reaktion auf Kälte

Die initiale Antwort der Körperoberfläche auf Kälte ist die Bildung von Gänsehaut und bei Ganzkörperkühlung maximale Vasokonstriktion der Hautgefäße. Bei Auskühlung einzelner Körperpartien kommt es zu reflektorischer Vasokonstriktion auch andererer. Diese sympatikotone Vasokonstriktion ist durch wiederholte Kälteexposition optimierbar.

Die Folge ist eine enorme Volumenverschiebung in das tiefe Venensystem. Dasselbe Blutvolumen muß nun in einem reduzierten Gefäßbett zirkulieren. Das führt zu einem Anstieg des systemischen und besonders des pulmonalarteriellen Blutdrucks mit deutlicher Zunahme des von Herzarbeit und myocardialem Sauerstoffverbrauch.

Zusammen mit der Viskositätszunahme des Blutes durch Diurese steigt das Risiko von Herzinfarkt und Hirnblutung. Ausdauerbelastungen mit hoher Intensität in großer Kälte über längeren Zeitraum können zu einem cor pulmonale führen.

Reaktion auf Hypoxie

Akute Hypoxie löst ebenfalls eine sympatikotone Sofortreaktion aus, die nach 3 - 5 Tagen von dauerhafter Akklimatisation abgelöst wird. Dieser Prozeß ist immer auf eine Höhenstufe von ca.500 m oberhalb der Schwellenhöhe von ca.2500 m beschränkt und muß deshalb für Aufenthalte bis 5500 m stufenweise erworben werden. In den Höhenlagen darüber bleiben die Folgen des zunehmenden Sauerstoffmangels immer stärker als die Fähigkeit zur Anpassung. Oberhalb von 7500m führt die schwere Hypoxie zu einem aussichtslosen Wettlauf gegen einer Überlebenszeitraum von wenigen Tagen oder gar Stunden.

Die alveoläre Hypoxie löst eine belastungs- und lageabhängig verstärkte pulmonalarterielle Hypertonie aus. Diese kann in extremen Höhen zu einem zunächst nur interstitiellen Lungenödem führen, das zunächst vor allem an einer deutlich verminderten Steigleistung von < 100 Hm/Stunde auffällt. Ein Wettersturz in dieser Höhe kann infolge der akuten Kälteexposition zu einem zusätzlichen Druckanstieg im Lungenkreislauf führen und damit das Vollbild eines Höhenlungenödems (HAPE) auslösen.

Jede Blockierung in sehr großer Höhe kann daher wegen der additiven Wirkungen von Hypoxie und Kälte fatale Folgen haben.

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