Deutsche Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin e.V.

Erschöpfung

Ursachen und Charakteristika

Ermüdung ist ein Vorgang, der durch Beanspruchung des Organismus ausgelöst wird und der mit einer Minderung der Leistungsfähigkeit einhergeht. Man unterscheidet zwischen physischer (muskulärer) und psychischer (geistiger) Ermüdung. Beide Formen treten beim Bergsteigen meist kombiniert, jedoch in unterschiedlichem Verhältnis zueinander auf - eine scharfe Trennung ist kaum möglich. Bei fortschreitender Ermüdung muss über kurz oder lang die auslösende Belastung beendet, reduziert oder geändert werden, um die volle Leistungsfähigkeit wieder herzustellen - es kommt zur Erholung. Bei maximaler Ermüdung mit Aufbrauchen der Energiereserven (über einen Zeitraum von Minuten bis hin zu wenigen Tagen) spricht man von Erschöpfung, d.h. von körperlichem oder geistigem Versagen bzw. Zusammenbrechen. Wird langfristig das notwendige Gleichgewicht zwischen Ermüdung und Erholung nicht wieder hergestellt oder die Höchstleistungsgrenze häufig überschritten, kann ein Überlastungsschaden des Organismus auftreten, z.B. bei Übertraining. Der Übergang von der Ermüdung zur Erschöpfung wird meist selbstverschuldet, ist damit nicht Schicksal, sondern mangelnde Voraussicht. Ist eine körperliche Erschöpfung erst einmal eingetreten, kann sie durch willentliche Anstrengung nur noch kurzfristig beeinflusst oder gar nicht mehr gesteuert werden.

Bei physischer Ermüdung / Erschöpfung kommt es oberhalb der Dauerleistungsgrenze in der Skelettmuskulatur zu einer Leerung der Energiespeicher und zu einer Anhäufung von Milchzucker ("Ermüdungsstoff" Laktat). Als weitere Ursachen werden noch eine Änderung des Säure-Basen-Gleichgewichts, der Elektrolytkonzentration in den Muskelzellen oder lokale schmerzhafte Überbeanspruchung von Bändern und Gelenkkapseln diskutiert. Bei körperlicher Schwerarbeit ermüdet der Skelettmuskel früher als der Herzmuskel, auch Höchstbelastungen können beim Gesunden keine wesentlichen Störungen des Herz-Kreislaufsystems verursachen. Lediglich bei Herzerkrankungen besteht die Gefahr einer Schädigung.

Die Ursachen für eine psychische Ermüdung können sehr vielfältig sein: z.B. langdauernde Konzentrationsarbeit, schwere körperliche Arbeit ("Auspowern"), gleichförmige, monotone Arbeiten, Umweltbelastungen wie Lärm, Hitze und Kälte, Konflikte, Sorgen, Interesselosigkeit sowie Krankheiten, Schmerzen und Fehlernährung. Im Gegensatz zur körperlichen Erschöpfung kann die geistige Ermüdung schlagartig durch bestimmte Veränderungen aufgehoben werden, z.B. durch Änderung der Tätigkeit oder der Umweltsituation, durch neue Informationen bzw. wiedererwachtes Interesse sowie durch einen Alarmzustand bei drohender Gefahr oder Angst. Im Falle einer regelrechten Stress- oder Notfallreaktion (z.B. bei Lebensgefahr wie Steinschlag, Absturz, Lawine, Wettersturz usw.) werden über das Nervensystem bzw. über den Hormonhaushalt vermehrt Adrenalin und Kortison ausgeschüttet. Damit können im Ernstfall die normalerweise geschützten Leistungsreserven des Menschen mobilisiert werden.

Zur Erschöpfung führende Faktoren

  • schlechter Trainings- und Konditionszustand
  • zu schnelles Anfangstempo
  • Hunger, Durst, Kälte, Nässe, Hitze
  • Unfall, Verletzung, Schock, Gesundheitsstörung/Erkrankung
  • Medikamenteneinnahme
  • Alkohol-/Nikotinmissbrauch
  • mangelnder Flüssigkeitsersatz, v.a. in großer Höhe
  • fehlende Motivation, Angst, ungelöste Konflikte, Depressionen

Zeichen der Ermüdung / Erschöpfung

Je nach geistiger und körperlicher Beanspruchung bzw. abhängig von individuellen Faktoren gibt es fließende Übergänge von der Ermüdung über Erschöpfung bis zum Zusammenbruch oder gar (Bergungs-) Tod. Bei Jugendlichen ist die Zeitspanne von den ersten Ermüdungserscheinungen bis zur endgültigen Erschöpfung (Zusammenbruch) viel kürzer als bei Erwachsenen. Das gleiche gilt für Schlecht- oder Nichttrainierte im Vergleich zum konditionsstarken Bergsteiger.

Besonders kritisch und schwierig zu beurteilen ist das Zusammentreffen von Erschöpfung mit anderen Gesundheitsproblemen wie beginnende Unterkühlung oder Höhenkrankheit, da die Kennzeichen am Anfang noch ziemlich unspezifisch oder sogar gleichartig sind. Das heißt die Erschöpfung kann auch ein Kennzeichen dieser Erkrankungen sein - siehe hierzu auch die entsprechenden Kapitel!

Die folgenden Symptome sind etwa ihrem Schweregrad entsprechend aufgeführt:

  • zunehmende Leistungsschwäche mit Müdigkeit, v.a. in den Beinen
  • verlangsamte und unregelmäßige Gangart
  • vermehrtes Bedürfnis nach Rast (auch "Kunstpausen")
  • dauernde Erhöhung von Puls und Atmung mit Herzklopfen und Atemnot
  • und/oder nur langsames Zurückgehen auf normale Werte bei Rast
  • Seitenstechen
  • evtl. Übelkeit und Brechreiz
  • psychisch zunehmende Unruhe, Reizbarkeit, Unsicherheit, Angstzustände
  • Antriebsschwäche, Neigung zu Depressionen, Stimmungsschwankungen
  • Verlangsamung von Wahrnehmungen, Denken und Entscheidungen
  • später Gleichgültigkeit bis hin zur Apathie
  • Konzentrationsschwächen mit Fehlreaktionen
  • Koordinationsstörungen mit Stolpern oder Stürzen

Erste Hilfe bei Ermüdung/Erschöpfung

  • Rast an einem windgeschützten, sicheren Ort
  • falls nötig zusätzlicher Kälteschutz (Biwaksack, Kleidung)
  • heiße, gesüßte Getränke (z.B. Tee)
  • schnelle Energiezufuhr, z.B. durch Schokolade oder Müsliriegel
  • unbedingt psychische Betreuung des Erschöpften (gut zureden!)
  • bei niedrigem Blutdruck evtl. kreislaufanregende Medikamente (z.B. Cardiazol-Coffein- Tabletten oder Effortiltropfen)
  • Erschöpften möglichst nie alleine zurücklassen
  • nach ausreichender Erholung Weiterweg zur Hütte bzw. Abstieg/Rückzug
  • in schweren Fällen liegender Abtransport (evtl. mit Hubschrauber)
  • durch Arzt evtl. Glukoseinfusionen und hohe Kortisongaben

Aufputschmittel (Weckamine, wie etwa das frühere Pervitin) aktivieren die letzten körperlichen Kräfte bis zum völligen Zusammenbruch! Sie sind deshalb nur in sonst hoffnungslosen Situationen zum Rückzug aus lebensgefährlichen Lagen zu verantworten und sollten nur in Ausnahmefällen von einem Arzt verabreicht werden.

Viel wichtiger ist die psychische Betreuung eines stark Erschöpften. Wird er nämlich geborgen, kann es durch den Wegfall der Stresssituation zu einem Zusammenbrechen der lebenserhaltenden Anpassungsvorgänge und damit zum sogenannten Bergungstod kommen. Deshalb: Dem Geborgenen Hoffnung, aber nicht die volle Gewissheit der Rettung geben, d.h. er darf sich nicht völlig passiv in die Arme der Retter "fallen" lassen, sondern er muss noch bis ins Krankenhaus selbst "mitarbeiten", d.h. wachbleiben. Notfalls sind die Willensimpulse des Erschöpften mit allen, evtl. auch mit unfairen Mitteln zu erzwingen.

Prophylaktische Maßnahmen

  • vor der Tour Trainings- und Akklimatisationszustand überprüfen bzw. optimieren
  • schwere Touren nur bei entsprechend guter Kondition, Technik, Ausrüstung und psychischer Verfassung angehen
  • unterwegs genügend Zeit- und Sicherheitsreserven berücksichtigen
  • keine Überforderung des schwächsten Teilnehmers, gutes "Gruppenklima" pflegen
  • bei auftretenden Problemen rechtzeitige Tourenänderung bzw. Umkehr erwägen

Die Erholung am Beginn einer Rast verläuft besonders rasch und effektiv, was sich auch deutlich am Verhalten der Pulsfrequenz zeigt. Deshalb gilt als Regel: Viele kurze Pausen sind besser als wenige lange Pausen. Unterhalb der Dauerleistungsgrenze, d.h. in der Regel bei Pulswerten unter 120 Schlägen pro Minute, ist auch beim (langsamen) Weitergehen noch ein gewisser Erholungseffekt vorhanden. D.h. die Ermüdung bzw. Erholung ist direkt von der Geschwindigkeit bzw. dem notwendigen Energieaufwand abhängig.


»»» Verdauungsprobleme und Durchfälle in fremden Ländern


Zusammenstellung: Dr. Walter Treibel, München, Copyright © BExMed e.V. E-Mail: info@bexmed.de

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